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23.07.2026

"Sollbruchstelle Physiotherapie"

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Statement des VPT zum neuen GKV-Gesetz

Der Beschluss des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes in der vergangenen Woche markiert aus Sicht des VPT e.V. eine folgenschwere Entscheidung für die ambulante Versorgung in Deutschland und zwingt das gesamte System in eine fatale Abwärtsspirale. Denn während die gesundheitspolitische Debatte sich primär um Kassenrücklagen und ärztliche Budgets drehte, wurde eine zentrale Schaltstelle des Systems konsequent nicht beachtet: die Heilmittelversorgung.

 Das Statement im Wortlaut:

Die gesetzlich verankerten Kürzungen und Honorardeckelungen entziehen den über 250.000 Physiotherapeut*innen inmitten von Inflation und zusätzlich angeheiztem Fachkräftemangel die wirtschaftliche Grundlage. Eine Entkopplung der Vergütung von den realen Kostensteigerungen stoppt die Aufwärtsbewegung, mit der der überfällige Anschluss an das Lohnniveau der anderen Gesundheitsberufe erreicht werden sollte. Die erst begonnene positive Entwicklung wird abrupt ausgebremst, die Aufholjagt jäh beendet. Von den falschen Annahmen in den Berechnungen der Finanzkommission über die auffällige Nichtbeachtung der Physiotherapie in den folgenden Debatten und Lesungen bis zur Entscheidung am 10. Juli durch Bundestag und Bundesrat: Die angemahnten Folgeprobleme wurden rigoros ignoriert.

Mit den Folgen dieser Politik haben jetzt die Praxen und die Patient*innen gleichermaßen zu kämpfen. Denn Fakt ist: Dieses Gesetz spart kein Geld! Vielmehr verstärkt es systematisch den Fachkräftemangel in der Physiotherapie, verknappt die Versorgung und verschiebt dadurch mittelbar die finanziellen Lasten in weitaus teurere Versorgungsbereiche. Unnötige Operationen, vermeidbare stationäre Aufnahmen und eine Chronifizierungswelle bei Millionen Patient*innen werden billigend in Kauf genommen, obwohl diese durch eine frühzeitige physiotherapeutische Behandlung hätte verhindert werden können.

Die ignorierte Achse: Wie die Deckelung einer Schlüsselbranche das System lähmt

Mit täglich rund 1,3 Millionen Behandlungen bildet die Physiotherapie das Fundament, das die stationäre und ambulante Versorgung in Deutschland spürbar entlastet. Sie sichert Arbeitsfähigkeit, verhindert Pflegebedürftigkeit und wendet unzählige operative Eingriffe ab. Sie hilft den Menschen zurück in die Bewegung und ermöglicht ihnen die Rückkehr in einen selbstbestimmten Alltag. Dass die Politik nun die Honorarentwicklung über die starre Grundlohnsummenbindung drastisch ausbremst und zusätzlich die wirtschaftlichen Effekte der neuen Blankoverordnung als Hebel für finanzielle Abschläge nutzt, entbehrt jeder ökonomischen Logik und konterkariert die Sparanstrengungen im Gesundheitssystem.

Die prognostizierten Einbußen von sechs bis sieben Prozent treffen Praxen, die ohnehin mit rasant steigenden Betriebskosten, Mieten und Energiepreisen kämpfen. Diesen ökonomischen Rückschritt an die Hoffnung zu koppeln, er habe keine relevanten Auswirkungen auf die Patient*innen, ist absehbar falsch. Zumal die Grundlohnsummenbindung in der Vergangenheit zu einer dramatischen Unterfinanzierung geführt hat und noch vor 10 Jahren die Gehälter bei 2.200€ in Vollzeit lagen.

Der Domino-Effekt in der Praxis: Chronifizierung durch verschleppte Therapie

Der Fachkräftemangel in der Physiotherapie ist längst kein theoretisches Zukunftsszenario mehr, sondern gelebter, schmerzhafter Alltag in den Regionen. Den größten Anteil an der Fachkräftelücke im Gesundheitswesen hat die Physiotherapie. Allein 15000 offene Stellen machen die Physiotherapie zum traurigen Spitzenreiter. Die Konsequenz ist ein drastischer Behandlungsstau, für den es im deutschen Gesundheitssystem kein Auffangnetz über andere Versorgungswege gibt. Patient*innen mit akuten Bandscheibenvorfällen, neurologischen Erkrankungen oder nach schweren chirurgischen Eingriffen stehen vor wochenlangen Wartelisten.

Diese Verzögerung beim Behandlungsstart setzt eine medizinisch fatale und ökonomisch unverantwortliche Wirkungskette in Gang. Muskel- und Funktionseinschränkungen verfestigen sich, Schmerzsymptomatiken verselbstständigen sich.

Steffen Gabriel vom VPT beschreibt diese Abwärtsspirale mit deutlichen Worten:

„Unterfinanzierung verschärft den Fachkräftemangel, der Fachkräftemangel verlängert die Wartezeiten und der verspätete Therapiebeginn erhöht das Risiko für Chronifizierung und dauerhafte Funktionseinschränkungen. Damit werden nicht nur Fehler der Vergangenheit wiederholt, deren Folgen die Physiotherapie bis heute trägt. In seiner beschlossenen Form verfehlt das Gesetz sein primäres Ziel: Kosten einzusparen, um die GKV zu entlasten. “

Die Kosten-Illusion: Wie das Sparziel ökonomisch ad absurdum geführt wird

Die Annahme, man könne im Heilmittelbereich Millionen einsparen, ohne die restlichen GKV-Töpfe zu belasten, erweist sich somit als gefährliche Rechnung. Wenn die physiotherapeutische Intervention auf der Zeitschiene nach hinten rutscht, verschwindet der Behandlungsbedarf nicht – er mutiert zu einem weitaus kostenintensiveren Fall für das System.

Die Quittung für diese verfehlte Weichenstellung erhalten die Krankenkassen zeitversetzt, aber mit voller Wucht: durch eine Steigerung bei den Ausgaben für bildgebende Diagnostik, wiederholte ärztliche Konsultationen, dauerhafte Medikation und schlussendlich vermeidbare operative Eingriffe sowie verlängerte Ausfallzeiten im Beruf. Auch die Verhinderung von Pflegebedürftigkeit im Alter durch mobile Hausbesuche bricht unter dem finanziellen Druck weg.

Die VPT-Bundesvorsitzende Manuela Pintarelli-Rauschenbach bringt den ökonomischen Widerspruch des Gesetzes so auf den Punkt:

„Wer bei der Physiotherapie kürzt, spart nicht an der Versorgung, sondern verlagert und erhöht die Kosten. Ausgesetzte oder verspätete Behandlungen führen zu mehr Arztkontakten, längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten, zusätzlichen Operationen und unnötigen stationären Aufenthalten. Das ist kein Kostensparprogramm, sondern eine Kostensteigerung. Wir sehen hier, wie der Versuch einer Budgetstabilisierung das exakte Gegenteil bewirkt.“


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